Wer ist Ich?

Selbstbewusstsein und Wasserwogen

“Das Selbst umfasst das Ich […] und das Sich, das dem Selbst den reflexiven Charakter verleiht, der ihm ermöglicht, von “sich selbst” sprechen zu können.

Das Sich-Selbst ist die Verdoppelung des Ich-Selbst im Denken, das Selbst noch einmal, aber von Aussen, aus der Distanz der Reflexion gesehen, und zwar vom Selbst selbst, das damit eine erste Form der Beziehung zu sich selbst begründet […].

Sich von sich zu entfernen, sich aus der Distanz der gewonnenen Differenz zwischen Ich und Sich zu betrachten, sich zu “erkennen”, von sich zu wissen, über sich nachzudenken und auf sich zurückzukommen, seiner selbst bewusst […].

Diese Selbstbeziehung kann nur entstehen, wenn die beiden Bezugspunkte Ich und Sich nicht miteinander identisch sind, sondern jene Beziehung zueinander gründen, die dem reflexiven Selbst zugrunde liegt.

Die Kreisförmigkeit der Bewegung vom Ich zum Sich und vom Sich zurück zum Ich, legt eine Rückkehr zum Ausgangspunkt nahe,  […]

[…] tatsächlich ist jedoch ein solches In-sich-Kreisen des Selbstbewusstseins kaum vorstellbar, denn die Rückwendung des Selbst auf sich bleibt für das Selbst nicht ohne Folgen: Im selben Maße, wie es von sich weiss, bleibt es nicht dasselbe. […]

Lebenskunst

Was ist Kunst? Was ist Leben? Betrifft die Kunst das Objekt und das Leben das Subjekt? Oder sollte man Leben und Kunst vielleicht doch als eine Einheit sehen?

Foucault entwirft in seinem Spätwerk eine solche Philosophie der Lebenskunst, wo es eben darum geht, dass man Leben und Kunst nicht getrennt voneinander sehen und leben sollte, sondern dass Objektkunst sich in eine Subjektkunst verwandeln soll. Ist es nicht so, dass jeder Mensch, der ein Kunstobjekt herstellt, sich selber am meisten in dieser Kunst verwirklicht?

Was wichtig ist, ist die Wiederkehr des Subjekts, das Individuum soll im Mittelpunkt stehen und das Leben selber soll zum Kunstwerk gemacht werden, man muss es einfach zulassen und das Zufällige bejahen. Nicht das Ergebnis ist das Ausschlaggebende, sondern der Akt, das Subjekt, das einem ständigen Wandel unterzogen ist und deshalb kann das Kunstwerk auch Hässliches und Widersprüchliches beinhalten. Das Kunstwerk kann gelingen, aber auch misslingen, denn auch im Leben – so Nietzsche – braucht es Tiefen um wieder zu neuen Höhen zu gelangen. Nicht das Gelingen oder das Resultat sind wichtig, sondern der Weg, der Akt ist ausschlaggebend, in ihm befindet sich die Freiheit des Künstlers.

In der Kunst kann der Mensch jegliche Grenzen überschreiten, die vielleicht von der Gesellschaft nicht akzeptiert würden, es ist eine Selbstverwirklichung. Es geht nicht darum, dass ein Objekt zum Kunstwerk gemacht wird, sondern man beginnt einfach drauflos zu malen, lässt es auf sich zukommen und am Anfang weiß man noch nicht, was am Ende dabei rauskommt. Jedes Kunstwerk ist also eine Verwirklichung des Künstlers selbst, ist eine Arbeit am Leben des Künstlers selbst, denn “wir wollen die Dichter unseres Lebens sein”.

Selbst-Versuch

Wenn die Frage nach dem Selbst aufbricht, welchen Status hat dann die fragende Instanz? Ist es das Selbst selbst, welches nach sich-selbst fragt? Oder wird ‘das Selbst’ (als ein mit-sich-selbst-identisches) nicht dadurch überhaupt erst ermöglicht, als es von ‘sich’ (von ‘dem Selbst’) Abstand nimmt? Identität würde so (1.) in einer Differenz gründen (bzw. erst durch sie ermöglicht werden) und (2.) keine vorgängige Gegebenheit, sondern ein — im sich-mit-sich(-selbst)-identifizieren — nachträglicher Akt ‘sein’. Deswegen wäre schließlich (3.) eine voll-kommene Identifikation niemals möglich: jedes sich-mit-sich(-selbst)-identifizieren schöbe eine abschließende Identität vor sich her.

Doch – wenn dieser Gedankengang vorerst akzeptiert werden würde – setzte man mit dieser vorgängigen Differenz nicht schon Identität(en) voraus: nämlich die Identität jener Instanz(en) mit sich selbst die sich von einander unterschieden? Setzt, anders gesagt, Unterscheidung (Differenz) Identität voraus? Oder setzt Identität Unterscheidung (Differenz) voraus? – Oder ist hier gar ein Diskurs über ‚Voraussetzung‘ sinnlos?

Die Selbigkeit, die die Identiät ins Spiel bringt, ist eine Selbigkeit, die nicht aufs Selbe hinausläuft, weil sie „sie selbst“ nicht bereits gegeben ist und es niemals endgültig sein wird. Man könnte sagen, dass die Identität die ewige Wiederkehrt des Gleichen vollbringt, von der Nietzsche sprach: eine Wiederkehr, die nicht Wiederaufnahme und Wiederholung ist, sondern unendliche Wiederkehr zum absolut Unterschiedlichen, dessen absoluter Unterschied die Selbigkeit ausmacht.[1]

[1] Nancy, Jean-Luc: „Identität”, Passagen: Wien 2010, S. 42. (Vgl. auch Derrida, Jacques: „Die différance“ und Heidegger, Martin: „Identität und Differenz“.)

Rationalisierungen

Ernst Mach: Ich

Das Ich nach Ernst Mach, in Worte gefasst von Hermann Bahr

Ernst Mach’s Theorie der Illusion über die beständige Substanz, die in dem Satz „das Ich ist unrettbar“ mündet, hatte auf die intellektuelle Welt der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts enormen Einfluss. Ein Ich, das in der brüchigen Zone zwischen Realität und Illusion schwebt, das sich nach Mach’s Elementenlehre nur durch die Kontinuität von inneren und äußeren Sinneseindrücken, durch Gewohnheit, formt und ständig verändert. Das wie ein impressionistisches Gemälde aus einer Unzahl von einzelnen Teilchen, Flecken besteht. Ein Ich, das als Teil der Welt in der Welt aufgeht und keine abgetrennte Einheit ist, keine Substanz darstellt, dessen Inhalt daher auch nach dem physischen Tod nicht verloren geht. Es ist ein Elementenkomplex, dessen Zusammenfügung zum Ich scheinbar für die Lebenspraxis geboten ist.

Lebenszeit

avatar Bianca Theuer